Kapitel 1 - Tamaras Welt

 

 

In Deutschland gibt es riesengroße Städte und ganz winzige Dörfer. Und dann gibt es noch Bielefeld. Bielefeld ist eine Stadt direkt am Teutoburger Wald, an deren Rand eine kleine Siedlung mit genau vier Hochhäusern steht. Vor langer Zeit waren die Häuser einmal grau, doch dann bekamen sie einen neuen Besitzer, dem die graue Farbe gar nicht gut gefiel und der sie farbig anstreichen ließ: Das erste Hochhaus grün wie einen Apfel, das zweite gelb wie eine Banane, das dritte rot wie eine Kirsche und das vierte Hochhaus wurde lila wie eine Pflaume gestrichen. Seit diesem Tag wird die Hochhaussiedlung von allen Stadtbewohnern nur noch die Obstsalatsiedlung genannt.

 

In dem kirschroten Haus wohnt in der fünften Etage die achtjährige Tamara mit ihrer Mama Jule und ihrem Papa Michal. Zusammen sind sie die Familie Tscherny, obwohl Mama Jule eigentlich einen anderen Nachnamen hat. Tamaras Eltern sind nämlich nicht verheiratet. Zwar hat Tamara in der Vergangenheit schon einiges unternommen, um das zu ändern, aber schließlich hat sie einsehen müssen, dass da vorerst wohl nichts zu machen ist. Das Projekt Hochzeit hat sie also zähneknirschend bis auf Weiteres verschoben. Das Wichtigste ist sowieso, dass sich alle lieb haben, und in der Familie Tscherny haben sich alle sehr lieb. Daran kann es nun wirklich keinen Zweifel geben.

 

Tamara ist froh darüber, in dem kirschroten Hochhaus zu leben, denn Rot ist ihre Lieblingsfarbe, und Kirschen mag sie auch. Besonders in Form von Kirscheis mit weißen Schokoladenraspeln oder beim Kirschkernweitspucken. Überhaupt nicht mag sie es dagegen, wenn ihr Papa oft tagelang für die Arbeit unterwegs ist. Was genau ihr Papa Michal eigentlich arbeitet, weiß Tamara nicht so wirklich. Es hat irgendetwas mit Heizungen zu tun, und er muss dafür oft in andere Länder reisen. Was sie aber ganz sicher weiß, ist, dass er viel zu viel arbeitet.

 

Tamara selbst geht in die Klasse 3b der Grundschule, aber auch sie arbeitet schon. Ihrer Mama gehört nämlich ein kleiner Laden direkt vor den Hochhäusern, und Tamara liebt es, Mama Jule dort zu helfen. Die meisten Erwachsenen kaufen ihre Lebensmittel zwar in einem der riesigen Supermärkte in der Stadt ein, doch da es Erwachsene eigentlich immer eilig haben, passiert es auch oft, dass sie in ihrer Eile etwas vergessen. Dann kommen sie zu Tamaras Mama in den kleinen Laden. Frau Emma, wie Tamaras Mama von den Bewohnern der Siedlung genannt wird, verkauft dort neben Obst und Gemüse auch Zeitschriften und alle Lebensmittel, mit denen man sich ein schnelles Essen kochen kann. Tamara räumt gerne Nudeln und Konservendosen in die Regale. Am liebsten unterhält sie sich jedoch mit den Kunden. Dabei ist es ihr auch ganz egal, ob die Kunden so alt sind wie du oder so alt wie deine Mama oder wie dein Opa.

 

Direkt vor dem kleinen Laden in der Obstsalatsiedlung befindet sich eine große Wiese mit einem Spielplatz. Dort gibt es eine grüne Rutsche, eine blaue Schaukel, ein Fußballtor ohne Netz und einen Sandkasten mit einem roten Rand. Die jüngeren Bewohner der Siedlung spielen gerne auf dem Spielplatz, und sie lieben den kleinen Laden. Ein Grund dafür sind die vielen großen Bonbongläser, die auf der Theke stehen. Diese Gläser sind mit den feinsten Leckereien, die ihr euch nur vorstellen könnt, gefüllt. Gummischnüre mit Apfelgeschmack, weiße Speckmäuse, Schleckmuscheln, Armbänder aus Traubenzucker und so viel mehr, dass ich es hier gar nicht alles aufzählen kann. Tamara verschenkt mit großer Freude Süßigkeiten aus den Bonbongläsern an alle, die etwas in dem Laden kaufen. Falls du aber mal in dem kleinen Laden einkaufen solltest und Tamara gerade nicht da ist, kannst du dir sicher sein, dass auch Mama Jule dir etwas aus diesen Gläsern schenken wird.

 

Weil der kleine Laden so beliebt ist, kennen alle Bewohner der Obstsalatsiedlung Tamara und ihre Mama. Tamara wiederum kennt Anna und Joshua am besten und zwar schon aus dem Kindergarten. Joshua spielt am liebsten Fußball mit seinen Freunden, aber wenn Tamara eine neue Idee hat, was sie zusammen anstellen könnten, dann ist er auch stets gerne mit dabei. Er weiß nämlich genau, dass es mit Tamara immer lustig wird, wenn sie einen ihrer großartigen Geisterblitze hat. Das Wort hat Tamara mal bei ihrem Papa aufgeschnappt, als dieser plötzlich einen Einfall hatte. Ihre Mama sagt jedoch oft zu Tamara, dass die meisten ihrer Geisterblitze doch eher Gehirngespenster seien. Joshua findet Tamaras Geisterblitze auf jeden Fall immer toll, und so haben die beiden schon viel miteinander erlebt.

 

Tamaras beste Freundin ist jedoch Anna. Wie es bei besten Freundinnen üblich ist, machen sie alles zusammen und sprechen auch über alles. Sie spielen oft gemeinsam auf dem Spielplatz vor dem kleinen Laden, fahren mit der Straßenbahn in die große Stadt zum Schwimmen, sitzen in der Schule nebeneinander und erledigen zusammen ihre Hausaufgaben. Natürlich streiten sie auch mal, aber es dauert nie lange, bis sie sich wieder vertragen.

 

Tamara hat meistens gute Laune. Die Erwachsenen, die in dem kleinen Laden einkaufen, freuen sich immer sie zu sehen. »Sie ist ja so ein fröhliches Kind«, sagen die älteren Kunden oft zu Tamaras Mama, und damit haben sie recht. Manchmal bekommt sie sogar etwas Kleingeld von ihnen geschenkt. Ihre Mutter hat dafür extra ein kleines rotes Sparschwein hinter die Theke gestellt. »Sparen ist wichtig«, sagt sie oft, und so wird das ganze Geld in dem Sparschwein gesammelt.

 

Vor den letzten Sommerferien hatte Tamara dann aber wirklich einen Grund, um schlechte Laune zu bekommen. Sie bekam sogar die allerschlechteste Laune, die sie jemals in ihrem ganzen Leben gehabt hat. Plötzlich stand ihre Welt einfach so Kopf, und das kam so …