Kapitel 2 - Eine Nachricht mit Schrecken

 

 

Es war der letzte Tag vor den langersehnten Sommerferien. Nach der Schule lag Tamara mit ihrer besten Freundin Anna im Gras unter ihrer großen Lieblingskastanie. Die Kastanie stand gleich neben dem kleinen Laden ihrer Mama, und Tamara mochte es sehr, dort im Schatten zu sitzen und die vorbeilaufenden Menschen zu beobachten.

 

Pünktlich zum Ferienstart waren die Regenwolken weitergezogen, und die Sonne schien am blauen Himmel. Nur wenige weiße Wolken waren zu sehen. Tamara hatte heute mal wieder einen ihrer berühmten Geisterblitze gehabt. Sie hatte ein Spiel erfunden und ihm den Namen Wolkengucker gegeben. Wenn man Wolkengucker spielte, musste man nach oben in den Himmel sehen, und da entdeckte man dann mit etwas Fantasie die tollsten Dinge!

 

»Schau mal, die Wolke dort rechts. Die sieht aus wie ein Nashorn ohne Horn. Dafür hat es einen total langen Rüssel«, sagte Tamara begeistert zu Anna.

»Ein Nashorn ohne Horn ist aber kein Nashorn«, antwortete Anna.

»Aber da hinten die Wolke. Die sieht doch aus wie ein Sprungturm!« Fasziniert deutete Tamara erneut in den Himmel. Dann fragte sie: »Wollen wir morgen zum Schwimmen fahren?«

»Ich habe morgen keine Zeit.«

»Warum das denn nicht? Morgen sind doch schon Ferien.«

»Ich fahre mit meinen Eltern weg«, antwortete Anna leise und pflückte dabei ein Gänseblümchen, welches vor ihr im Gras wuchs.

»Dann fahren wir eben übermorgen zum Schwimmen«, schlug Tamara vor.

»Du? Ich muss dir was sagen«, flüsterte Anna mit trauriger Stimme.

»Warum redest du so leise? Was ist los?«

Besorgt sah Tamara ihre beste Freundin an.

»Ich muss morgen die Sachen aus meinem Kinderzimmer einpacken«, erzählte Anna nun.

»Das verstehe ich nicht«, antwortete Tamara. »Fährst du in den Urlaub?«

»Ne, ich ziehe um«, sagte Anna schließlich und schaute Tamara dabei bekümmert an.

Diese schaute nun nicht mehr in den Himmel, sondern starrte ihre Freundin erschrocken an. Dann blickte sie schnell auf den Boden vor sich und presste ihre Lippen aufeinander. Nach einer Weile fragte sie leise:

»Wie jetzt? Für immer?«

»Ja, mein Papa hat eine neue Arbeit gefunden.«

»Das ist aber doof. Wie lange dauert der Umzug? Wir haben doch jetzt Ferien«, sagte Tamara traurig.

Doch plötzlich kam ihr eine Idee:

»Ich kann dir doch beim Umzug helfen. Ich fahre einfach mit meinem Fahrrad zu deiner neuen Wohnung, und dann malen wir die Wände in deinem neuen Zimmer an. Das wird ein Spaß, und so bist du auch schneller fertig.«

»Zum Fahrrad fahren ist es zu weit weg«, antwortete Anna jedoch und schüttelte traurig den Kopf.

»Dann fahre ich eben mit der Straßenbahn.«

»Das geht auch nicht. Wir müssen ganz lange mit dem Auto fahren«, sagte Anna betrübt, und nun schaute auch sie auf den Boden. Dabei drehte sie das Gänseblümchen zwischen ihren Fingern.

»Ganz lange? Wie heißt denn die Stadt, wo du dann wohnst?«, fragte Tamara.

»München.«

Eine Träne lief langsam an Annas Wange hinab. Tamara schluckte und spürte plötzlich einen dicken Kloß in ihrem Hals.

»Und du fährst schon morgen? Warum hast du mir das denn nicht schon früher erzählt?«

Tamaras Stimme zitterte. Sie konnte das alles nicht glauben. Ihre beste Freundin sollte so weit weg ziehen?

»Ich weiß es auch noch nicht so lange, und ich wollte einfach nicht darüber reden.«

Anna musste schluchzen. Tamara überlegte kurz. Dann nahm sie Anna in den Arm und drückte sie ganz fest. Plötzlich sprang sie auf und rief lachend:

»Aber du kannst ja gar nicht einfach umziehen. Deine ganzen Möbel sind doch hier!«

Anna blickte zu ihr auf und biss sich mit einem leisen Seufzen auf die Lippe.

»Meine Eltern haben die wichtigsten Sachen schon eingepackt. Die nehmen wir gleich mit. Und wenn wir nicht da sind, kommen Leute, die die Möbel holen. Ich bekomme in München ein ganz neues Zimmer.«

»Aber, aber …«

Tamara wollte sich gerade einen weiteren Grund überlegen, warum Anna auf keinen Fall umziehen konnte, als sich im apfelgrünen Hochhaus ein Fenster öffnete und Annas Mutter hinausschaute.

»Anna! Komm bitte. Das Essen ist fertig«, rief sie laut.

»Ich muss jetzt los. Kannst du morgen vorbeikommen? Dann können wir uns verabschieden.«

»Aber du kannst doch jetzt nicht einfach gehen«, sagte Tamara leise und schaute ihre Freundin fassungslos an.

»Wir sehen uns morgen. Ich rufe dich an, bevor wir fahren. In Ordnung?«

 

Anna stand auf, drückte Tamara das Gänseblümchen in die Hand und umarmte sie kurz ganz fest. Dann lief sie in die Richtung des apfelgrünen Hochhauses. Tamara sah ihr hinterher und wollte ihr noch etwas nachrufen. Sie wusste aber einfach nicht was. Als Annas Mutter ihr zuwinkte, stand Tamara nur bewegungslos da, und als Anna in der Eingangstür verschwand, schloss ihre Mutter das Fenster wieder.

Tamara ging langsam zum Eingang des kirschroten Hochhauses und zog das rote Band, welches um ihren Hals hing, über den Kopf. Ihre Mama hatte an ihm den Haus- und den Wohnungsschlüssel festgebunden, sodass Tamara immer in die Wohnung kam. Sie öffnete die Tür und ging ganz langsam die Treppen bis zur fünften Etage nach oben. Dort schloss sie die Wohnungstür auf.

 

In der Wohnung war es ganz still. Ihre Mama war noch in dem kleinen Laden, und ihr Papa war mal wieder unterwegs, um irgendetwas mit Heizungen zu machen. Tamara schlurfte mit hängendem Kopf in ihr Zimmer und legte sich auf ihr Bett. Plötzlich erschien es ihr so, als würde die ganze Welt auf dem Kopf stehen. In diesem Augenblick begann ihr Bauchweh. Ganz tief und ganz stark spürte sie es in sich. Was sollten das bloß für Ferien werden?